Interview
Moksha Movement: Zwischen Reizüberflutung und Kraftverlust – warum moderne Männer ihre Mitte verlieren
Bastian Stefan Schaller ist Ingenieur. Kein Therapeut, kein Coach, kein Lifestyle-Influencer mit Smoothie in der Hand. Das macht ihn ungewöhnlich in einer Welt, die für jedes Symptom eine App und für jede Erschöpfung einen Onlinekurs bereithält. Gemeinsam mit seinem Bruder Lukas hat der Mitgründer des Vereins Moksha Movement jahrelang an sich selbst geforscht – methodisch, dokumentiert und konsequent bis an die Grenzen dessen, was sich die meisten Menschen nicht einmal vorstellen würden. Im Ergebnis ist kein Produkt entstanden, vielmehr ein Trainingssystem, das dort ansetzt, wo Gesundheitskonzepte aufhören: im Körper selbst, in der Sexualkraft, im Nervensystem und in dem, was einen Mann trägt oder nicht mehr trägt.
Schaller beobachtet mit wachsender Schärfe, dass die Herren der Schöpfung zwar funktionieren, aber nicht mehr fühlen. Sie schieben weg, was sie bewegt, unterdrücken, was ihnen wehtut – bis sie nicht mehr wissen, wer sie ohne all das sind. Reizüberflutung von außen, Kraftverlust von innen. Ein Muster, das sich schichten-, berufs- und altersübergreifend widerspiegelt.
Unternehmer Deutschlands führt ein Gespräch über die Stille, die entsteht, wenn man aufhört, sich selbst zu betäuben, und was Männer dort vorfinden, wenn sie ihr Training ernst nehmen.
Bastian Stefan Schaller im Interview
Hallo Bastian Stefan Schaller, herzlich willkommen bei Unternehmer Deutschlands! Kannst du dich und den Verein Moksha Movement zu Beginn bitte kurz vorstellen?
Sehr gerne. Ich bin Bastian Schaller, Mitgründer von Moksha Movement, einem Bildungsinstitut für gesundheitspflegende Lebensweise zur Selbsthilfe menschlicher Potenzialentfaltung. Das klingt sperrig, umfasst aber alles, worum es uns geht. Zusammen mit meinem Bruder Lukas führe ich das Projekt MännerAkademie und seit dem letzten Jahr gibt es auch die FrauenAkademie. Herzstück beider Projekte ist ein Energietraining, das wir über viele Jahre entwickelt und verfeinert haben: 30 bis 60 Minuten täglich legen das körperliche Fundament, auf dem alles andere aufbaut. Wir sind ausdrücklich kein Unternehmen, vielmehr und bewusst ein Verein, da wir anstatt Kunden Mitglieder haben, die aktiv mitgestalten, was bei uns entsteht. Hört sich nach einer unwesentlichen Formalie an, ist aber ein grundlegender Unterschied hinsichtlich der Aktivitäten und der Art, wie Vertrauen entsteht und wie weit Menschen bereit sind, wirklich zu gehen.
Das ist ein bewusster Einstieg. Du verfügst über einen beruflichen Hintergrund als Ingenieur, ebenso wie dein Bruder. Wie kommt jemand aus diesem Bereich dazu, ein Trainingssystem für Körper, Nervensystem und Sexualkraft zu entwickeln?
Ich verstehe, dass das auf den ersten Blick nicht wirklich zusammenpasst. Meine Ausbildung war für mich nie der Endpunkt – es war das Werkzeug, das wir auf etwas völlig anderes angewendet haben. Ich habe Elektrotechnik mit Schwerpunkt Energietechnik studiert, Lukas Medientechnik. Was uns beide von Anfang an fesselte, war das wissenschaftliche Denken dahinter: Wie baut man ein Experiment auf? Wie liest man eine Untersuchung oder Abhandlung? Wann hat sie eine Anwendungsberechtigung, wann scheitert sie am Aufbau? Diese Fragen haben wir nicht im Labor gestellt, sondern an uns selbst. Zudem war ich am Fraunhofer-Institut als wissenschaftlicher Mitarbeiter angestellt und entsprechend mit dem Anfertigen und Auswerten von Studien vertraut. Der Umgang mit Daten, das sorgfältige Dokumentieren von Ergebnissen – das war für uns keine Theorie. Das war einfach die Art, wie wir Dinge angehen. Der Unterschied zu klassischen Gesundheitsexperten liegt darin, dass wir nie von einer Ideologie oder Tradition ausgegangen sind, die wir vermitteln wollten. Wir haben beobachtet, dokumentiert und gefragt: Was funktioniert tatsächlich, und unter welchen Bedingungen?
Offensichtlich ein methodischer Zugang, der sich kaum mit Theorie begnügt. Ihr habt euch selbst als Versuchspersonen verwendet, über viele Jahre. Was steckt dahinter?
Wir wollten wissen, was wirklich funktioniert – nicht was eine Studie behauptet oder eine Tradition verspricht, sondern was am eigenen Körper über längere Zeiträume protokollierbar und reproduzierbar ist. Angefangen hat es mit der Ernährung: 2014 waren wir komplett vegan, damals noch ein Thema, bei dem viele fragten, wo man Protein herbekommt. Sechs Jahre lang haben wir uns konsequent pflanzlich ernährt, darunter zwei Jahre rohkostvegan. Wir haben Sprossen gezüchtet, Gräser angebaut, Saftfasten über mehrere Wochen durchgezogen. Mein Bruder hat 31 Tage Wasserfasten gemacht. Es gab Phasen von fünf Tagen Trockenfasten, also komplett ohne jede Zufuhr von außen. Parallel dazu Kampfsport, Kraftsport, Meditation, Atemtechniken, Kältetraining, Schwitzhütten. Letztlich alles, was mit dem Körper und seiner Optimierung zu tun hatte. Ab 2020 haben wir die andere Seite betrachtet und begonnen, rohes Fleisch, rohe Eier und Rohmilch zu integrieren. Beide Extreme, beide über Jahre dokumentiert. Das war keine Ideologie, die wir verteidigen wollten, es war Forschung in dem einzigen Labor, das uns jederzeit zur Verfügung stand: unserem eigenen Körper.
Sehr beeindruckend, handelt es sich doch um Extreme, die die meisten Menschen nie ernsthaft in Betracht ziehen würden. Was hat diese langjährige Selbstforschung gebracht – und wann wurde daraus mehr als ein persönliches Experiment?
Der entscheidende Wendepunkt kam in dem Moment, in dem wir erkannten, wie extrem und wie wenig übertragbar unsere eigene Tagesroutine war. Fünfstündige Gewohnheiten neben Studium und Beruf stemmt kein Mensch ohne diese spezifische Begeisterung, und es wäre vermessen zu glauben, das von anderen erwarten zu können. Gleichzeitig hatten wir über eine lange Zeit hinweg gesehen, was tatsächlich funktioniert und was nur kurzfristig wirkt. 2018 war der Punkt, an dem Lukas – er ist der Entwickler des Trainingssystems, der eigentliche Forscher und Architekt dahinter – all diese Erkenntnisse in eine Form überführte, die für andere Menschen anwendbar ist. Ein Training, das 30 bis 60 Minuten am Tag in Anspruch nimmt, dabei den Körper ausrichtet, Verspannungen, Verkürzungen und Fehlhaltungen löst und gleichzeitig die inneren Systeme adressiert: Lymphsystem, Blutkreislauf, Nervensystem, Hormonsystem. All dies sind Teile des Fundaments der für uns hoch relevanten Sexualkraft. Meine eigene Rolle dabei war eine andere: Ich habe trainiert, angewendet, beobachtet und festgehalten, was das mit einem Individuum im Alltag macht. Mein Bruder hat also entwickelt, ich habe die Flagge dafür hochgehalten und es nach außen getragen.
Sexualkraft – ein Begriff, der im Gesundheitsbereich selten so direkt fällt. Was meint ihr damit und warum gehört das zwingend ins Training bei Moksha Movement?
Über die männliche Gesundheit kann man nicht ehrlich sprechen, ohne dieses Thema beim Namen zu nennen. Viele Männer haben ein tiefgreifend gestörtes Verhältnis zu ihrer Sexualität, und das zeigt sich in zwei gegensätzlichen Mustern. Das eine: Sie betäuben sich täglich durch Ejakulation und Pornografie, schaffen diese intensive Energie einfach raus und sind danach für kurze Zeit ruhiggestellt. Es funktioniert quasi wie ein Ventil, mündet aber auf lange Sicht in eine gefühlte Leere. Das andere: Sie haben das Thema so weit weggedrückt, mit so viel Schuld und Scham belegt, dass sie es gar nicht mehr ausleben. Sie landen in der Isolation, obwohl sie eigentlich gestandene und vitale Menschen wären. Beides ist kein gesunder Zustand. Was wir Mitgliedern als Einstieg nahelegen, ist ein sechswöchiger Verzicht auf Ejakulation und Pornografie – nicht als Strafe, sondern weil der Mann dadurch erstmals in echten Kontakt mit dieser Energie kommt. Er spürt sie, er hält sie aus, er lernt, was sie mit ihm macht. Aus diesem Kontakt heraus beginnt das eigentliche Training: die Steuerung dieser Kraft durch Atem- und Sexualtechniken, schließlich auch gemeinsam mit der Partnerin. Das Ziel ist kein Dauerverzicht, sondern der souveräne, bewusste Umgang mit der eigenen Triebkraft. Eine Veränderung zeigt sich dabei schnell: im Selbstbewusstsein, in der Körperhaltung, in der Art, wie ein Mann im Raum steht und wie er Entscheidungen trifft.
Du beschreibst das mit bemerkenswerter Offenheit – obwohl viele Männer genau dieses Thema nach wie vor meiden. Was beobachtest du bei denen, die zu euch kommen?
Die meisten stoßen zu uns, weil sie körperlich etwas verändern wollen. Es geht regelmäßig um den Rücken, die Haltung und die eigene Energie. Insgesamt um den Wunsch, im eigenen Körper wieder zuhause zu sein. Was sie dabei kaum erwarten, ist, dass sie klarer werden. Männer, die täglich in ihrem Körper verankert trainieren, und dies innerlich sowie äußerlich, können nicht mehr so leicht an sich selbst vorbeischauen. Emotionen, Instinkte, Gedanken werden greifbarer, lassen sich besser einordnen und halten. Viele unserer Mitglieder berichten, dass sie über ihre Beziehungen reifer urteilen, bei der Ernährung intuitiver entscheiden, alte Muster plötzlich erkennen, die zuvor schwerlich bestimmbar waren. Diese Innenschau ist keineswegs das Resultat eines Workshops oder eines Coaching-Gesprächs. Sie entsteht aus dem Training selbst – das ist der entscheidende Punkt. Wir müssen mitnichten etwas herbeireden oder erzwingen. Es vollzieht sich von selbst, sobald der Körper wieder arbeitet und der Mann aufgehört hat, an ihm vorbeizuleben.
Das klingt nach einer Gemeinschaft, die weit über ein Trainingsprogramm hinausreicht. Was erleben Mitglieder bei euch konkret, abseits ihrer täglichen Übungen?
Zweimal pro Woche treffen wir uns online. Das ist ein fester Rhythmus, der sich über die Jahre als tragfähig erwiesen hat. Eine der Zusammenkünfte widmet sich Themen rund um Mann-Frau-Dynamiken, Beziehung und Sexualität, also Dingen, die Männer intensiv beschäftigen, über die sie aber selten offen miteinander sprechen. Das weitere Beisammensein folgt einem anderen Prinzip: Jedes Mitglied kann als Protagonist auftreten, eine aktuelle Herausforderung einbringen und bekommt dazu Verständnisfragen der gesamten Gruppe sowie Perspektiven aus völlig unterschiedlichen Lebenssituationen und Erfahrungswelten. Was dabei entsteht, ist kraftvoller als jede Einzelberatung. Hinzu kommen Präsenztreffen, Mitgliederwochenenden, bei denen das Trainingskonzept mit gezielten Drucksituationen verbunden wird: körperliche Wettbewerbe nach dem Prinzip der spartanischen Agoge, Boxen, Ringen und im gleichen Rahmen Kakao-Zeremonien, Schwitzhütten, Meditation. Belastung und Innenschau im bewussten Wechsel. Bemerkenswert dabei: Vieles davon haben die Mitglieder selbst angestoßen. Alle Strukturen, die heute tragen, kamen aus der Gemeinschaft heraus – wir haben sie als Gründer eingebettet und weiterentwickelt. Hier zeigt sich der wesentliche Unterschied zwischen einem Mitglied eines Vereins und dem Kunden eines Unternehmens.
Was treibt dich gesellschaftlich an? Was siehst du draußen, das dir sagt: Genau dafür braucht es Moksha Movement?
Wir durchleben eine Übergangsphase, und das ist mehr als eine Floskel. Alte Strukturen lösen sich, durchaus zu Recht, auf. Aber Männer wissen dabei oft nicht mehr, wer sie sein sollen. Die Rolle des Hauptverdieners, die über Generationen Identität gestiftet hat, entfällt zunehmend oder reicht nicht mehr als Fundament. Gesellschaftliche Erwartungen widerstreiten sich, niemand hat eine belastbare Antwort auf das, was jetzt gilt. Das Ergebnis sehe ich überall: Männer, die sich aufreiben, ohne eine Richtung zu haben, oder weich werden, ohne es zu bemerken. Auf der anderen Seite steht eine Überflutung durch Dating-Apps, Pornografie und kurzfristige Reize, letztlich alles, was schnell ein Ventil öffnet, auf Dauer aber die Kraft entzieht, die ein Mann für sein eigentliches Leben braucht. Was ich bei unseren Mitgliedern beobachte, macht mir Mut, nämlich, dass das Training im eigenen Körper der direkteste Rückweg zu sich selbst ist. Nicht zurück zu alten Rollenbildern, nicht zurück in Strukturen, die zu Recht hinterfragt wurden. Stattdessen zurück zu dem, was einen Mann wirklich ausmacht..
Moksha bedeutet Befreiung. Wovon sollen Menschen befreit werden – und wohin soll die Bewegung gehen?
Das Wort Moksha stammt aus dem Sanskrit, aus indischen Traditionen, und bedeutet Befreiung. Für uns ist das keine spirituelle Metapher, sondern eine präzise Beschreibung dessen, was wir beobachten. Menschen tragen eine Fülle von Schutzprogrammen und Automatismen in sich, die irgendwann dergestalt verankert sind, dass man sie nicht mehr hinterfragt – man lebt einfach nach ihnen. 80 bis 90 Prozent dieser Handlungsweisen sind sinnvoll, sie halten uns am Leben und geben uns Stabilität. Die restlichen 10 bis 20 Prozent jedoch führen, wenn man ihnen unreflektiert folgt, in den Burnout, in die Sackgasse, in ein Leben, das sich von außen gut anfühlt und von innen leer ist. Moksha Movement beantwortet nicht die Frage, wer du sein sollst. Es beantwortet die tiefere Frage: Wie findest du heraus, wer du bist? Aus diesem Ausgangspunkt kann jeder frei entscheiden, was zu tun ist, gerade in einer Gesellschaft, die voll mit Informationen und arm an Stille ist, voll mit Möglichkeiten und arm an Richtung. Das ist die Bewegung, für die wir stehen. Kein Angebot, das man konsumiert und wieder vergisst, vielmehr etwas, das Menschen so tief berührt, dass sie es aus sich heraus weitertragen.
Bastian, herzlichen Dank für dieses offene und inspirierende Gespräch!
Ich danke dir ebenfalls.
